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Gleich vorweg: Ich bin von diesem Spiel ziemlich begeistert, was auch der Grund für dieses Review ist. Mein letzter Beitrag dieser Art ist schon über zwei Jahre her und wurde aus einer anderen Motivation geschrieben: Das war die herbe Enttäuschung über CitiesXL. Im Gegensatz zu diesem Spiel macht das neue Anno aber fast alles richtig. Die Frischzellenkur mit dem Szenario in der Zukunft steht Anno sehr gut. Die Entwickler haben es geschafft eine sehr stimmige Welt zu erschaffen, vielen Zweiflern zum Trotz. Doch fangen wir von vorne an...

Die Spielwelt

Inzwischen notiert man das Jahr 2070, die Umweltschützer hatten nicht nur Recht, sondern wurden sogar noch weit übertroffen. Auf der Erde heißt es in Folge der Klimaerwärmung Land unter, und der größte Teil der Landstriche ist überflutet. Einige Gebirsketten ragen nun als Inseln noch aus dem Meeresspiegel, und dorthin flüchtet sich die Menschheit. Findige Forscher und Ingenieure haben so genannte Archen gebaut, um die Wiederbesiedlung des nun ziemlich blauen Planeten voranzutreiben. Dabei handelt es sich um riesige, schwimmende Plattformen, die aus Basislager in den Sektoren fungieren. Man selbst wurde als Kommandeur einer solchen Arche ausgewählt und kann sich mit dieser seine Aufgaben selbst setzen.


Als jemand mit einer solch gewichtigen Aufgabe ist es nur logisch, dass um einen geworben wird. Konkret sind dies die zwei großen Lager der "Eden Initative" und des Konzerns "Global Trust", die auf ihre Art und Weise die Zukunft gestalten wollen. Während die Leute von Eden die Folgen des vergangenen Handelns begriffen haben, und nun mehr mit als gegen die Natur leben wollen, will Global Trust im Grunde weitermachen wie bisher. Welcher Seite man sich anschließt, hat starke Einflüsse darauf wie man spielt, dazu später mehr. Als Dritte im Bunde gibt es S.A.A.T, ein Kompendium von Forschern, die eine dritte Macht im Bunde darstellen. Mit "Technokraten" lässt sich diese Seite ziemlich gut in einem Wort zusammenfassen.
Rundum, das Szenario ist sehr stimmig, die Ressourcen- und Platzknappheit erklärt auch gut warum man nicht einfach so nun auf Flugzeuge setzt.

 

Das Hauptmenü. Das Ganze ist wie das
Battlenet 2.0 auf Internet und Verknüpfung
der Spieler getrimmt.

Fühlt sich schon fast an wie früher, hm? Die eigene Arche. Die Minikarte verrät, dass
ich im Spiel schon einiges erledigt habe.

 


Der Look

Gerade hier wurden anfangs viele Bedenken geäußert. So High-Tech auf der grünen Wiese? Das passt doch bestimmt nicht. Das muss doch irgendwie deplatziert aussehen, wenn ein Schiff an einer Insel anlegt und erst einmal überall High-Tech Gebäude hinsetzt. Kann ich nicht behaupten. Ich finde da wurde ein guter Job getan. Ich habe mich zunächst daran gemacht, das erste Szenario zu spielen und habe mich dabei für die Eden Initiative entschieden. Bei denen wird eine große Menge an Produktivität zugunsten der Umweltverträglichkeit geopfert. Das heißt, dass man deutlich mehr Platz für die eigenen Produktionsstätten benötigt als die Spieler die sich für Global Trust entschieden haben. Das wird man vor allem an der Stromversorgung merken. Als Eden baut man überall dezentral Windkraftwerke, Blockheizkraftwerke in der Stadt (=nimmt Platz weg denn man eigentlich nicht weggeben will) und später auch Solarturmkraftwerke wie das PS10 in Spanien. Ein konzentrieren lauter Windkraftwerke auf eine Ecke der Insel um dort den gesamten Strom zu erzeugen ist zudem nicht möglich, da sie einen Einflussbereich haben. Überschneiden sich diese, sinkt die Effizienz rapide. Setzt man zwei nebeneinander, erzeugen sie praktisch nicht mehr als ein einzelnes.
Bei Global Trust ist man dagegen sehr pragmatisch und baut Kohlekraftwerke an einer Stelle. Platzsparend, günstig und richtig dreckig. Später kommen noch Atomkraftwerke hinzu, mit den entsprechenden Risiken, versteht sich. Umweltverträglich ist das natürlich alles nicht gerade, besonders der Uranabbau erzeugt ziemliche Schweinereien. Aber es ist unschlagbar günstig und nimmt nicht viel Platz weg.
Was mir sehr positiv auffiel, sind die Städte. Sie sind sehr lebendig, und voller Details. Wenn man über die einzelnen Gebäude drüber schaut, sieht man immer wieder Kleinigkeiten, die einem zuvor verborgen blieben. Dazu verbinden sich die Häuser ab der dritten Entwicklungsstufe auch miteinander zu Häuserblocks. Das lässt die Städte auch richtig nach Stadt aussehen und nicht als Ansammlung von zufälligen Hochhäusern. Gefällt mir richtig gut. Warenmäßig sind die Anhänger von Eden/Global Trust auch auf völlig andere Dinge aus, die einzige Schnittmenge ist das Gut mit dem man startet: Fisch. Selbst die Baumaterialien ändern sich. Während man in Eden gerne Tee trinkt, Biokost zu sich nimmt und mit Holz und Glas baut, ist man bei Global Trust auf Spirituosen, Fertiggerichte und Beton scharf, während die Technokraten von S.A.A.T Funktionsdrinks und -nahrung mit Karbon haben möchten. Genug zu tun also.

Der Hafen an dem ich mein erstes Kontor
errichtet habe. Sehr kümmerlich, habe
ihn auch nie großartig ausgebaut.
Blick von einem meiner Industriegebiete
Richtung Hafen, überall Windräder...

Die weißen Dampfwolken zeigen Blockheiz-
kraftwerke an. Die erzeugen umso mehr
Strom, je mehr Leute in der Nähe wohnen.
Meine Stadt von ganz oben.

Buchhalten mit der Natur

Das Errichten von Gebäuden und Produktionsanlagen hat direkten Einfluss auf die Ökobilanz der einzelnen Insel. Die Natur ist von den Folgen der Umweltkatastrophe noch recht angeschlagen, und letztlich hat die Menschheit schon den ein oder anderen Nagel in ihren Sarg geschlagen. Fällt die Ökobilanz auf niedrige Werte, drückt das die Erträge von Farmen und kommt es zu Umweltkatastrophen. Letztere drücken die Produktion natürlich nochmal so richtig nach unten. Beide Seiten haben unterschiedliche Konzepte damit umzugehen.
Die Eden Initiative kann verschiedene Gebäude bauen um die Ökobilanz zu erhöhen, was aber Platz wegnimmt. Bei den größeren Gebäuden kann man auch Bergwerk- oder Flussslots aufgeben, um die Bilanz zu stützen. Damit ist es sogar problemlos möglich, eine positive Bilanz zu erreichen, was die Produktivität von Farmen stufenlos um bis zu 80% erhöhen kann, was ihren erhöhten Platzbedarf durchaus rechtfertigen kann. Allerdings erkauft man sich das stets mit dem Streichen von Produktionsmöglichkeiten durch aufgeben von Slots und hohen Unterhaltskosten.
Bei GlobalTrust sieht man das nicht so eng. Produktion und Effizienz geht über alles, und entsprechend holt man aus den einzelnen Inseln problemlos am meisten raus. Die Farmen sollte man aber lieber auslagern, außer man möchte dass diese irgendwann bei lediglich 50% Effizienz arbeiten. Wenn es zu Umweltkatastrophen kommt, räumt man diese eben auf. Oder man stört sich einfach gar nicht weiter daran. Entsprechend dunkel sehen die Inseln dann auch aus, denn diese verändern je nach Stand der Ökobilanz direkt ihre Erscheinung. Das erinnert total an Black & White und ist großartig.

Eine Siedlung der Technokraten von
S.A.A.T. Diese muss man gründen,
wenn  man forschen will.
Gebäude wie dieses Klärwerk kosten viel
Strom, Geld und nehmen knappe Slots in
Anspruch, erhöhen aber die Ökobilanz.

 Diesen Damm kann man an bestimmten
Stellen bauen, sofern man ihn vorher
erforschen liess.
Die gleiche Szene, aber mit negativer
Ökobilanz. Sie ist allerdings noch weit
nicht so schlimm, wie es maximal geht.

Drüber, drunter, vorbei

Nicht nur auf der Wasseroberfläche kann man zu Werke sein. Es gibt in Anno 2070 auch U-Boote und sogar Flugzeuge. Letztere sind die einzige Methode das Inland gegnerischer Inseln zu attackieren, denn es gibt keine Bodentruppen mehr. Für den Angriff hat man idealerweise also eine Insel mit genug Platz für Flughäfen in der Nähe des Ziels, zudem muss man sicherstellen, dass der Nachschub an Kerosin nicht versiegt. Die Flieger laden zwischen 10t und 30t davon an Bord, und müssen zurückkehren wenn er Sprit ausgeht. Entsprechend geht eine schlagkräftige Flugtruppe ins Geld und kostet eine Menge Platz - siehe auch die Bilder von oben.
Die Streichung der Bodentruppen finde ich allerdings nicht so prickelnd. Klar, in Anno 1602 und 1503 war das ein ziemlicher Krampf, aber inzwischen sollte man das anständig einbauen können. Besonders da Flugzeuge erst verfügbar werden, wenn man eine Siedlung von S.A.A.T aufgebaut hat. Auch hier würden sich die unterschiedlichen Philosophien von Eden und Global Trust sicher schön herausarbeiten. Wäre schön, wenn es das in ein Addon schafft.
Damit kommen wir auch schon zu meiner liebsten Neuerung: dem Spiel unter dem Wasser. Einige hier wissen vielleicht, dass ich das Spiel Schleichfahrt innig liebe, das BlueByte 1996 veröffentlicht hat. (Link zum 7 (!) Minuten langen Trailer. Führt toll in die Spielwelt ein und ist für damals ein echter Meilenstein. Nicht wundern, der Trailer beginnt langsam.) In Anno 2070 kann man Tiefseestationen errichten, und dort im Gegensatz zur Oberfläche unbegrenzt Rohstoffe abbauen, sofern man mittels Forschung einige der Black Smoker zum Versiegen bringt. Und auch Gold, Diamanten, Erdöl und Manganknollen locken in die Tiefe. Nur dort lassen sich übrigens Algen anbauen und die Funktionsnahrung herstellen, nach denen die Forscher von S.A.A.T verlangen.
Insgesamt sind U-Boote und Flugzeuge auch nur über die Hochtechnologie von S.A.A.T zugänglich und es fügt ein tolles neues Element in die Serie ein. Selbstredend, dass mir die Tiefseestationen super gefallen, immerhin spricht der Stil von Schleichfahrt aus jeder einzelnen mit Bolzen montierten Stahlplatte der Unterwassergebäude. Und tolle, schlagkräftige U-Boote kann man auch noch bauen! Von den Stationen merkt man Überwasser eher wenig. Das Kontor macht sich als Station bemerkbar, und man benötigt entsprechend auch keine U-Boote um Waren aus den Stationen abzuholen. Und auch der Abbau von Erdöl erzeugt weitere Plattformen an der Oberfläche.

Bei den Achievements kommt gern
Wortwitz zum Zug
El Topos Asylum, bist du's? Nein?
Ist mir egal, ich mag dich trotzdem! ♥

 

 

Muss. Der. Nostalgie. Nicht. Erliegen. So sieht's dann oberirdisch aus. Mit dabei
ein aufgetauchtes U-Boot und der ganz
große Bomber, den man bauen kann.

Fazit

Tolles Spiel, rundum gelungen. In Zeiten in denen die großen Publisher gerne mal halbfertige Spiele auf den Markt werfen, tut das richtig gut. Die Installation war dank Ubisoft ziemlich umständlich und ich musste erstmal eine Runde googlen ehe es passte (mein Rechner ist aus Performancegründen deutlich schlanker getrimmt als der 08/15 PC). Die Welt ist stimmig, das Szenario ebenso. Mittels Internetverbindung gibt es die Möglichkeit zum Multiplayer, ebenso finden regelmäßig Wahlen statt, die direkten Einfluss auf das Spiel haben. Man ist bemüht, dem Spieler wirklich das Gefühl zu geben, er sei Kommandant der Arche und stecke in dieser Welt. Man kriegt E-Mails von NPCs, jeden Tag stellen die Entwickler eine Aufgabe, die man in jedem beliebigen Spiel erfüllen kann. Dazu kommen umfangreiche Statistiken über alle Spieler insgesamt, und wie sie im Spiel die Erde neu besiedeln. Das alles macht viel Lust auf mehr und motiviert. So sehr, dass ich in den letzten zwei Tagen zwei Mal die Meldung "Ich weiß das Spiel ist fesseln, aber langsam mache ich mir Sorgen um Sie..." von der Ingame-Assistentin EVE zu hören bekam, weil ich 6 Stunden am Stück gespielt habe. :]
Meckern kann man nur auf sehr hohem Niveau. Mir persönlich fehlen die Bodeneinheiten und ich hätte es gern gesehen, wenn S.A.A.T eine echte dritte Fraktion wäre anstatt nur eine halbe. Man kann sie nicht zum Start auswählen und sie haben auch nur zwei Bevölkerungsstufen. Auch die Forschung geht nur über sie. Da hätte ich mir gewünscht, dass könnten alle drei, aber bei S.A.A.T geht's halt mit Abstand am besten. Das hätte imho nochmal eine gute weitere Schippe Langzeitmotivation drauf geschlagen. Damit ist es für mich das beste 2011 erschienene Spiel.

Wenn es nach den Spielern von Anno 2070
geht, ist die Welt in Zukunft grün.
Besitzt aber aktuell nur ~175.000.000
Einwohner. Aber hey, das Spiel ist erst
am Donnerstag erschienen.

Ich frage mich, was passiert wenn man
an die E-Mailadresse wirklich was schreibt...
Yay, noch mehr Statistiken!

 

An dieser Stelle herzlichen Dank an Diamond für seine Zustimmung zur Veröffentlichung seines Artikels im SimForum auf unserer Seite.